Online bei Facebook. Eigentlich wie immer nach der Arbeit. Ich stöbere die Beiträge durch, schaue mir Videos an, filtere zwischen unwichtigen und wichtigen Dingen, die mich interessieren könnten.

“Dieses Video zeigt möglicherweise drastische Gewalt oder Blutvergießen.” (https://www.facebook.com/Informationsschalter/?hc_ref=ARSJUXXKV_WPdU7kacp44rDyxiUCnKD_jXy7VAWyCQZqvBuSoFSrXaXBDmW7jB-LPh8&fref=nf)

Ich klicke natürlich darauf. Dieser Macht, die alleine von diesem Satz ausgeht, ist es kaum möglich zu widerstehen. Astreines Marketing. Die Warnung hatte keines Wegs übertrieben.
Barcelona, die Hauptstadt der Katalanen, ca. 1,6 Millionen Einwohner und wunderschön. Ich besuchte sie in den letzten acht Jahren mehrere Male, da ich zu dem Zeitpunkt, während meines Studiums für ein Jugendreiseunternehmen arbeitete und dieses regelmäßige Besuche der zweitgrößten Stadt Spaniens anbot und ich da natürlich nicht nein sagte und meistens mit auf dem Bus nach Barcelona saß. Der Ablauf des Tagesausflugs war immer der selbe. Am Busparkplatz angekommen, alle Kinder raus, vorher noch eine Ansage, wann es wieder zurück geht und man ließ die Kleinen von der Leine. Da mein Jobprofil an der Sonne den Titel “Nachtwächter” trug, reduzierte sich mein Kontakt zu den Jugendlichen auf ein Minimum. Soll heißen, sie wussten meinen Namen, konnten dem ein Gesicht zuordnen und immer wenn ich Nachts auftauchte, gab es Stress aus diversen Gründen, die hier nicht erwähnt werden sollen. Ich war der, der für Ruhe sorgte und die althergebrachte Ordnung wieder herstellte. Der Trip beinhaltete verschieden Checkpoints, Sehenswürdigkeiten könnte man es auch nennen, unter anderem die Sagrada Família. Bevor dieses Bauwerk fertig gestellt wird, liege ich bestimmt schon unter der Erde. Die Basilika soll 2026 fertig gebaut sein und ganze 144 Jahre hätte es dann insgesamt gedauert. Die Pyramiden von Gizeh wurden gefühlt schneller aus dem Boden gestampfte, als dieses Kunstwerk der Architektur.
“Video anzeigen.” Eine kleine Einkaufspassage. Eine wacklige Kameraführung. Der Verantwortliche der Aufnahme scheint nervös zu sein; angespannt die Stimmung, die durch das Video zu einem durchdringt. Blut, Geschrei und Zerstörung ist zu sehen. Ich erkenne sie wieder. Die kleine Straße, in der ich vor ein paar Jahren alleine hindurchspazierte und ihre Atmosphäre auf mich wirken ließ. Da hätte ich liegen können, vielleicht noch mit dem Schrecken davon gekommen, vielleicht nur leicht verletzt, vielleicht aber auch tot. Den Umständen sei Dank, dass ich hier sitze und diese Gedanken zu dem Anschlag auf digitales Papier bringen darf. Ein mulmiges Gefühl zieht sich durch meinen ganzen Körper. Die Luftröhre schnürt sich zu und das Atmen fällt mir schwer; nur warum? Anders, als bei anderen Vorfällen dieser Art, bin ich empathischer, empfänglicher für das Geschehene. Der Grund hier für ist höchstwahrscheinliche die Vergangenheit, die mich mit diesem Ort verbindet. In dem Moment, indem ich das Video anschaue, gewinnen die Emotionen Überhand. Es ist kein Platz für Mitleid da, kein Mitgefühl den Opfern gegenüber, kein Drang danach, ihnen zu helfen. Was aber da ist, ist Hass und Wut und davon jede Menge. Den Verantwortlichen in die Finger zu bekommen, ihn zur Rede zu Stellen, um anschließend alttestamentarisch vorzugehen und Gleiches mit Gleichem zu vergelten, um diesem Menschen zu zeigen, wie es sich anfühlt. Anfühlt, Menschen derart zu verletzten, Leben zu verstümmeln, es auszulöschen, jegliche Menschlichkeit in einem kleinen Augenblick zu ersticken, sie auszuradieren. Ihn am Leben zu lassen, damit er bis zu seinem Tod leidet. Damit er den Schmerz fühlt und sieht und ständig an ihn erinnert wird, bis er letztendlich verzweifelt und wahnsinnig wird und der Tod als letzte Erlösung erscheint und er förmlich danach bettelt zu sterben und jetzt merke ich erst, was mit mir passiert. Ich soll hassen. Ich soll mich positionieren. Ich soll ein klares Feindbild vor Augen bekommen und dieses abgrundtief hassen, es bekämpfen. Gespalten sollen die Völker werden, in Lager von links nach rechts, von Abendland bis Orient, von weiß bis schwarz, von West nach Ost und lasst jedem bloß seinen Feind, sonst kommt man wohl noch auf die Idee, trotz Parallelgesellschaften friedlich neben einander her zu leben. Divide et impera  und die Welt gehört dir.
“Cause they’ re putas, malditos”, hört man den Jungen in seiner Handyaufnahme sagen. Vefluchter Hurensohn, verfluchter Hurensohn.

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