Der Tag begann wie immer. Für den einen Routine, die einem Struktur verschafft, eine gewisse Sicherheit gibt, die einem sagt, es geht voran. Für den anderen eher ätzend, nervend, langweilig, täglich grüßt das Murmeltier, gleichzusetzen mit Stillstand. Als wenn man sich nach stetigem Wandel sehnt und die Routine eher wie ein Käfig wahrgenommen wird, aus dem es kein Entrinnen gibt.
Nun denn, ich machte mich auf den Weg zur Arbeit. Rein in das Auto, Fenster auf, die Dachluke fuhr nach hinten, die Sonne brannte mir auf den Pelz, die Mädels trugen kurze Höschen, es war Sommer, endlich. Der Fahrtwind im Gesicht, der 90’er Hip-Hop Beat lief via MP3 über das Autoradio, ich hatte bombastische Laune und dachte mir, warum kann mir dieses Deutschland nicht immer so ein Wetter bescheren. Auf der Arbeit angekommen und die nächsten immer wiederkehrenden Abläufe begannen von vorne. Wie oben bereits erwähnt, für den einen ein Segen und für den anderen ein Fluch. Mit den richtigen Kollegen macht beides Spaß. Heute war es nur ein halber Tag an Arbeit, was auch völlig ausreichen würde, laut einigen Studien. Von acht Stunden Arbeit, bohrt der Mensch sowieso mindestens drei in der Nase herum, geht mit dem Handy auf die Toilette, räumt sinnlos Gegenstände von A nach B und wieder zurück und guckt wie ein Rentner aus dem Fenster und warten darauf, dass was Spannendes passiert. Ganze fünf Stunden ist Mensch tendenziell produktiv. 15 Uhr war dann Feierabend und ich setzte mich wieder ins Auto, Richtung Zentrum, denn eine alte Bekannte war mit mir verabredet und ich wollte sie nicht unnötig warten lassen. Am Zielort angekommen, kam ich in eine Absperrung nach der anderen. Das Fête de la musique lief in Hannovers Innenstand. Laute Musik überall, so dass ich kaum meine eigene hören konnte. Eine Diversität an Musikstilen, die zu Teilen ortsweise ineinander verschwommen und schrecklicher klangen, als Fingernägel auf einer Tafel. Trotz meiner Aversion bezüglich solcher Veranstaltungen, sah ich fröhliche Menschen, gesellige Menschen, einen bunt gemischten Haufen an Nationalitäten, Pluralität at its best. Ach ja, lauter Bereitschaftspolizei war auch dazwischen und ab und zu auch mal ein Deutscher. Ob das Sicherheitsaufgebot einem nun das Gefühl der Sicherheit verlieh oder nicht, sei nun dahingestellt. Da stand sie nun, meine nette Begleitung. Wir gingen was trinken, in einem Café für Popopieker und Mösenliebhaberinnen; ein Café für Homosexuelle. Worüber haben wir uns unterhalten? Man mag es kaum für möglich halten aber es ging nicht um Klimaschutz und Weltfrieden, nein, es  ging um Frau und Mann. Warum ist es heute schwieriger denn je, Beziehungen zwischen zwei verschiedenen Kulturen aufzubauen? Frag‘ das mal deinen Ausländer des Vertrauens und du könntest Erstaunliches erfahren.
„Möchten Sie noch was zu trinken bekommen?“, fragte mich der Kellner und als ich mit nein danke antwortete, schaute er mich ein wenig enttäuscht und vor den Kopf gestoßen an und ging seines Weges. „Der steht auf dich,“ schoss es aus dem Mund meiner Begleiterin und dabei steckte sie mir ihre Finger zwischen die Rippen, so dass ich wie ein Schwein unter Stromschlägen zusammenzuckte. Ich grinste einfach nur. Wer tut das nicht, entgegnete ich nur und grinste. Sie bestand darauf zu zahlen und ich sagte da nicht nein. Selbst ist die Frau. Wir verließen das Café und kauften (ja, diesmal bezahlte ich) uns beim Möchte-Gern-Italiener eine Pizza und schlenderten so die Straßen entlang und quatschten über Gott und die Welt, bis sich unsere Wege trennten. Auf dem Weg zum Auto bemerkte ich, dass ich es gar nicht mehr rechtzeitig schaffen und wahrscheinlich ein Knöllchen kassieren werde, was mir auch egal war, weil dieser Tag bis dahin zu meiner vollsten Zufriedenheit verlief. Kurz vor dem Wagen, erblickte ich schon die zettelwütigen Bordsteinschwalben des Ordnungsamtes, wie sie ihre schwarzen Knöllchenausdruckgeräte schwangen und sich schon auf den Feierabend freuten. Ich ging ganz entspannt zum Auto. Was soll’s, wenn da nun noch ein zweiter Zettel hängt dann sei es so. Ist doch eh nur ein Klick mit dem man zahlt. Ich ging auf den Wagen zu und sah auch etwas am Scheibenwischer kleben. Einen Zettel. Jawohl, nur ein paar Minuten zu spät und genau in diesem Zeitfenster traf es mich. Was für ein Timing an einem doch so schönen Tag. Ein Happy End wäre ja auch zu schön gewesen. 17:53 Uhr war Parkende und 18:05 Uhr stand ich am Auto. Ich nahm den Zettel und schaute ihn mir an. Ein Parkticket im Wert von zwei Euro mit der Endparkzeit, 18:05 Uhr.
Wem schenkst DU deine letzten 12 Minuten?

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